Eckgedanken

17/11/2009

Ich denke gern um Ecken
wo Gedanken sich verstecken
doch will ich mich erschrecken
denk ich Gedanken unter Decken

Wo: Erzählt


1 Kommentar:

  1. 18/11/2009Susi20bi schreibt:

    Und wieder ein brilliantes Werk aus der Feder des Meisters.
    Umwerfend, mit wie wenigen Worten hier so spielerisch der Zwiespalt zwischen bewusster Existenz und Erkenntnisangst dargelegt wird.

    Der Künstler beginnt klassisch mit der altbewährten Eröffnung “Ich denke”, verzichtet dann aber zugunsten der überraschenden Erweiterung “gern” vollkommen auf die – ohnehin offensichtliche – Schlussfolgerung “also bin ich”.
    An dieser Stelle tritt der Dichter in einen geradezu magischen Dialog mit dem Leser, da dieser durch den Umstand, dass die Bejahung der eigenen Existenz durch die Folgerung “Ich denke GERN, als bin ich GERN” allein in dessen Kopf entsteht, wodurch er selbst zu einem essenziellen Teil des Gedichtes wird.

    Auf dieses philosophische Feuerwerk folgt bereits die nächste Überraschung, als der Satz mit “…um Ecken, wo Gedanken sich verstecken” vollendet wird, und somit spielerisch den Ausgang aus der bloßen Existenz durch gezieltes Lenken hin zum bewussten Gedanken ummalt.
    Prägnanter kann die Aufklärung des Individuums nicht auf den Punkt gebracht werden.

    Doch damit nicht genug. Dort, wo namenhafte Philosophen bereits alles gesagt hätten, holt dieser Künstler erst richtig aus und präsentiert uns zunächst den Halbsatz “doch will ich mich erschrecken”. Aufgrund der offensichtlichen Unmöglichkeit sich absichtlich zu erschrecken, fällt sofort der logische Konflikt auf, der darin liegt, eben genau dieses Unmögliche zu wollen. Hier wird der innere Widerspruch umschrieben, das Unerreichbare von sich selbst zu verlangen. Dabei geht es um nichts anderes, als um das Streben nach Erleuchtung.

    Mit dem Schluss “denk ich Gedanken unter Decken” spricht der Dichter von Furcht; von dem Verkriechen unter einer Decke; dem Denken aus der Sicherheit heraus.
    Auf diese Weise wird der Konflikt zwischen dem Streben nach Erleuchtung bei gleichzeitiger Furcht vor der damit einhergehenden Nichtexistenz beleuchtet. Die Urangst des Menschen vor der Selbsterkenntnis.

    So fasst der Meister die Kernlehren von Buddhismus, Alevitismus, Jainismus, Hinduismus, Daoismus, Judentum, Christentum und Islam in vier kurzen Zeilen vollständig zusammen, und das so schlicht, so beinahe nebensächlich, als hätte er sie ohne große Überlegungen aus einer Laune heraus, auf der Toilette geschrieben.

    Überwältigend.

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